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Die Prospekte der
Schnitger­orgeln

Prospectus – das ist das äußere Ansehen, das Gesicht der Orgel. Wenn das Orgel­werk als das kunst­vollste tech­nische Meister­werk jener Zeit galt, sogar als zweites Schöpfungs­werk Gottes durch den kunst­begabten Menschen, dann wurde der Pros­pekt als das Ant­litz dieser Schöpfung angesehen. Ent­sprechend würde­voll ge­staltete Arp Schnitger das Gesicht seiner Wunder­werke.

Die Ein­klei­dung nannte man zu Schnitgers Zeit Struktur. Das bedeutete im damaligen Sprach­ge­brauch die geordnete Auf­richtung eines Gebäu­des durch mehrere Gewerke. Und tat­säch­lich sind die großen Orgeln in den Marschen­landen und Städten innen­architek­tonische Ein­bauten, die über mehrere Stock­werke reichen. Gute Zimmermanns- und Schreiner­kunst waren nötig, um das Grund­gerüst zu erstellen, die Verkleidungen, die Tür­chen und Klappen im Füllungs­bau mit schönen Eisen­beschlägen. Für den fein ver­zierten Spiel­tisch aus verschie­denen Hölz­ern und Elfenbein benötigte man schon einen guten Möbel­tisch­ler, und wenn die Struk­tur noch mit Schnitz­werken verziert wurde, dann vergab der Orgel­bauer diese Arbeiten meistens in Sub­mission. Dann wurde über Schnitger ab­gerechnet und der Name des Bild­hauers findet sich deswegen nicht in den In­schriften an den Pros­pekten oder in den Rechnungs­unterlagen.

Kooperation mit Holzbildhauern

So ist es auch bei der Werk­statt-Zusammen­arbeit mit dem berühm­ten Hambur­ger Bildhauer Christi­an Precht  (um 1635–1694/95). Schnitgers Freund­schaft mit Precht begann um 1677 in Stade, ihr erstes Zu­sammenwirken ist für den Bau der Orgel für die Johannis-Kloster­kirche in Hamburg 1679/80 nach­weisbar. Die Orgel steht, nur we­nig verändert, seit 1816 in Cappel. Wahr­scheinlich war es sogar Precht, der für sei­nen Freund Schnit­ger de­s­sen ers­ten Auf­trag in Hamburg ermöglich­te. Schnitgers Orgel­werk mit Prechts außer­gewöhn­lich kunst­voll reich ge­schnitz­tem Pro­spekt war das Referenz­objekt für die Musik lieben­de Hanse­stadt. Weite­re nach­weisbare Koope­rationen folg­ten, so die eben­falls mit ei­nem Figuren­programm verzier­te Orgel in der Ludgeri­kir­che Nor­den (1688/92) wie auch in Schnitgers Wohn­ort Hamburg-Neuenfel­de, wo er gemeinsam mit Precht den Kanzel­al­tar und die Orgel schuf (1683–1688), in Hamburg wieder­um die St. Jacobi-Orgel (1693), höchst wahr­schein­lich auch in Clausthal-Zellerfeld (1702) mit Prechts Sohn gemeinsam ein Gesamt­kunst­werk schu­fen.

Schnitger verfertigte neben den Dispositionsentwürfen auch die Prospekt-Zeichnungen mit dem Grundschema der Verzierungen, damit die Auftraggeber sich eine Vorstellung von dem gesamten Werk machen konnten. Denn das Äußere, das vor Augen Stehende, war gleichsam als Visualisierung der Himmelsmusik für den Gottesdienstbesucher elementar wichtig.

Die Prospekte arbeitete Schnitger in seiner Werkstatt aus glatt gehobeltem, astfreien, abgelagertem Eichenholz. Schon an dieser qualitätvollen Handwerksarbeit sind Schnitgers Orgeln zu erkennen. Wenn man mit der Hand über diese Flächen streicht, ist das ein haptisches Erlebnis. Schnitger hat das Eichenholz mit einer dünnen rotbraunen Lasur veredelt, bei der jede Pore zu sehen ist. Geschnitzte Verzierungen wie Schleierwerke, Blumengehänge, Bekrönungen der Türme und geschnitzte Figuren, sowie Rundstäbe an den Profilen wurden in lichtem Ocker angelegt, häufig wurden dann die Höhungen feinlinig vergoldet. So entstand ein illustres, kostbares, vornehm zurückhaltendes Kunstwerk, dessen Gold aus dem Kirchenhimmel schimmert.

Das Werk und das schöne Antlitz einer Orgel gehören wie Leib und Seele zusammen.

Viele seiner Orgelprospekte befinden sich nicht mehr in der Original- Fassung; sie wurden im Laufe der Jahrhunderte mehrfach überstrichen. Dadurch hat nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Akustik gelitten. Einige Prospekte hat man allerdings in den letzten Jahren vorbildlich restauriert. In der Norder Ludgerikirche wurde der Prospekt von 1688/92 nach dem Originalbefund wieder in rotbrauner Lasur und Vergoldung hergestellt, die Prospektfiguren stehen im ursprünglichen Alabasterweiß mit Teilvergoldungen der Engelsflügel. Auch in Hollern wurde die Farblasur-Fassung am Prospekt von 1690 vorbildlich rekonstruiert. Sehr schön gibt das Tafelbild des Malers Johann Christoph Wallzell von 1700/01 an der Golzwarder Orgelempore die Farbgestaltung des abgebildeten Prospektes wieder. Zu erkennen ist die nicht deckende, das Licht widerspiegelnde Farbbehandlung der „Struktur“. Die Laubwerk-Verzierungen, die in Golzwarden aus Kostengründen nicht plastisch geschnitzt, sondern aus Brettern ausgesägt wurden (das finden wir häufiger an Dorfkirchenorgeln, wie etwa in Hollern, Dedesdorf, Steinkirchen), erscheinen hier mit einer zarten illusionistischen Malerei mit Goldhöhungen als äußerst kostbar. Die derzeitige Farbfassung der Golzwarder Orgel von 1964 zeigt im direkten Vergleich in erschreckendem Maß die grobe Entstellung eines originalen Prospektes.

Das Werk und das schöne Antlitz einer Orgel gehören wie Leib und Seele zusammen. Die Schönheit des Menschen vollendet Gott als Ebenbild seines Antlitzes. Deswegen finden wir bisweilen Tafelbilder von der Erschaffung Adams und Evas im Bildprogramm der Orgelemporen wie etwa in Hamburg-Neuenfelde oder Golzwarden.

Text: Dr. Dietrich Diederichs-Gottschalk

Zum kompletten Aufsatz von Dietrich Diederichs-Gottschalk