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Cappel

1680

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Dedesdorf

Die berühmteste
norddeutsche Orgel

Cappel liegt zwischen Bremerhaven und Cuxhaven in einer reichen Kulturlandschaft an der Nordseeküste, deren alte Bezeichnung »Land Wursten« heute noch lebendig ist. Im Abstand von wenigen Kilometern befinden sich hier viele mittelalterliche Kirchen, von denen einige bereits im 16. und 17. Jahrhundert über reich disponierte mehrmanualige Orgelwerke verfügten.

Die alte Kirche in Cappel fiel 1810 einem Brand zum Opfer, wobei auch die erst zehn Jahre zuvor gebaute Orgel des Stader Meisters Georg Wilhelm Wilhelmy verbrannte. Der Gemeinde gelang der Wiederaufbau der Kirche in den Jahren 1815–16. Da die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde erschöpft waren, wurde kein Orgelneubau geplant, sondern 1816 die zum Verkauf stehende Schnitger-Orgel aus der Hamburger St. Johannis-Klosterkirche erworben. Das mit 30 Registern großzügig disponierte Werk wurde von Georg Wilhelm, dem in Stade wirkenden Sohn des Erbauers der verbrannten Cappeler Orgel, unter Verwendung aller vorhandenen alten Teile aufgebaut. Er respektierte den Klangstil und die Bauweise Schnitgers in einer Weise, die heute als denkmalpflegerisch vorbildlich beurteilt werden kann und für die damalige Zeit ungewöhnlich war.

Die Orgel in der St. Johannis-Klosterkiche wurde 1680 von Arp Schnitger unter Verwendung des Vorgängerinstruments erbaut und gehört zum Typus der hanseatischen Stadtorgel aus dem 17. Jahrhundert mit den klanglichen Ressourcen für das norddeutsche Repertoire der Zeit. Von allen Werken aus der Werkstatt Schnitgers zeigt dieses Instrument die reichste Dekoration mit Schnitzereien auf allen Flächen. Das Pfeifenwerk besteht zu einem Drittel aus Registern aus der Periode vor Schnitger. Eine Identifizierung des Orgelbauers, der zu den hervorragenden Meistern seiner Zeit gehörte, war bisher noch nicht möglich.

Arp Schnitger Orgel in Peter und Paul, Cappel

Im 19. und im 20. Jahrhundert blieb das aus besten Materialien gebaute Werk fast unverändert. Selbst die wertvollen Prospektpfeifen aus Zinn, die bei fast allen deutschen Schnitger-Orgel im Ersten Weltkrieg konfisziert wurden, blieben erhalten. Eine Restaurierung wurde 1977–78 durch die Orgelwerkstatt Rudolf von Beckerath in Hamburg ausgeführt. Eine Neubelederung der Keilbälge fand 2009 statt.

Die Cappeler Orgel ist das am vollständigsten erhaltene zweimanualige größere Werk vor 1700 in Norddeutschland und gleichzeitig die klanglich am besten erhaltene Schnitger-Orgel. Sie zeichnet sich vor allem durch die sehr gut bewahrte Intonation aus. Hier können wir das integrative Klangkonzept Arp Schnitgers bewundern, der Pfeifenreihen von sehr unterschiedlicher Bauweise zu einer Einheit zusammenfügte und dabei unterschiedliche Klangcharaktere akzentuierte. Selbst das Pfeifenwerk aus der Werkstatt Schnitgers zeigt verschiedene Bauweisen: starkwandige Pfeifen im Hauptwerk und Pedal sowie Pfeifen aus dünnerem und mehr zinnhaltigem Material für die Principalregister im Rückpositiv. Die einzige klangrelevante Veränderung fand 1816 statt, als nach der Umsetzung des Werkes von Hamburg nach Cappel das gleichstufige Stimmungssystem eingerichtet wurde.

Das Instrument wurde weltbekannt durch die Aufnahmen der Orgelwerke Bachs, die Helmut Walcha in den Jahren 1950 und 1952 durchführte. Die im Vergleich zur Hamburger St. Johannis-Klosterkirche viel kleinere Kirche in Cappel lässt den Klang sehr direkt auf die Zuhörer wirken. So entsteht gleichzeitig die Wirkung von Eleganz und Klangstärke.

Text: Prof. Dr. h.c. mult. Harald Vogel

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