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Dedesdorf

1698

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Ganderkesee

Schnitgers
Exportmodell

Dedesdorf liegt südlich von Bremerhaven an einem alten Weserübergang und gehörte ursprünglich zum Land Oldenburg auf der anderen Seite der Weser. Die mittelalterliche Kirche wurde 1838 auf die jetzige Größe reduziert, wobei der mit einem Gewölbe überspannte Chor abgerissen wurde. Der jetzige Kirchenraum, dessen Ausstattung zum Teil aus dem 17. Jahrhundert stammt, zeigt eine niedrige Balkendecke.

Die Gehäuseform und die technische Anlage der Orgel sind auch in dem aus Schnitgers Werkstatt stammenden Instrument in der Kirche São Salvador in Moreira nördlich von Porto (Portugal) zu finden. Es handelt sich offensichtlich durch die kompakte Bauweise um ein erfolgreiches Exportmodell Schnitgers.

Die Orgel in Dedesdorf steht auf einer Empore im Westen der Kirche, die durch ihre geringe Höhe kaum den nötigen Platz für eine zweimanualige Orgel bietet. Schnitger löste das Problem durch die geniale Konstruktion einer Doppellade, wo die Pfeifen in einem Gehäuse und auf einer Windlade sehr kompakt auf einer Ebene aufgestellt sind. Für das Ober-Manual befinden sich die Ventile vorne und für das Unter-Manual hinten (unmittelbar unter den Trompetenpfeifen). In der Mitte der Windlade sind die Tonkanzellen durch einen Schied getrennt, so dass die Register der beiden Manuale separat gespielt werden können. Diese konstruktive Lösung hat Schnitger bei vielen seiner Instrumente verwendet und konnte dadurch die klanglichen Ressourcen für die Spielweise der norddeutschen Orgelmusik auch bei sehr beengten Raumverhältnissen bereitstellen.

Arp Schnitger Orgel in St. Laurentius, Dedesdorf

Eindrucksvoll sind die originalen Manualklaviaturen mit Tastenbelägen aus Schlangenholz, die nach über 300 Jahren Gebrauch noch wie neu aussehen. Dieses exotische Holz, das auch für Geigenbögen verwendet wird, ist so hart, dass die Untertasten nur wenige Benutzungsspuren aufweisen.

Klanglich besticht die Orgel durch die originale Mixtur und Trompete, die beide nur selten bei Instrumenten dieser Größe erhalten blieben. Die gedackten Pfeifen sind oben mit einem aufgelöteten Deckel versehen und zeigen eine wunderbare Dynamik in der Tonentwicklung (»Aufblühen«) mit präzisen und zugleich weichen Ansprachen.

Die Akten zum Dedesdorfer Orgelbau enthalten genaue Angaben zu allen Ausgaben, auch zum Bierkonsum der Orgelbauer aus der Werkstatt Schnitgers oder zum Orgelschmaus bei der Ablieferung. Dort heißt es:

Der Orgelmacher ist ein reputierlicher Mann, imgleichen waren die Gesellen feine, hübsche Leute, welche man kein schlecht Fusel Bier präsentieren durfte.

Im 18. Jahrhundert wurde ein selbständiges Pedalwerk hinter dem Schnitger-Gehäuse hinzugefügt. Von den alten Registern wurden nur die Prospektpfeifen im Ersten Weltkrieg abgeliefert. Heute klingt das zweimanualige Werk in der ursprünglichen Klangschönheit nach einer vorbildlichen Restaurierung durch Heiko Lorenz (Wilhelmshaven).

Text: Prof. Dr. h.c. mult. Harald Vogel

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