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Ganderkesee

1699 / 1760

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Golzwarden

Platz in der
ersten Reihe

Der Wert des 1699 erbauten Werks wurde im 20. Jahrhundert früh erkannt. Es erfolgte bereits 1934 eine Restaurierung durch Alfred Führer aus Wilhelmshaven, die zu den frühesten konservierenden Wiederherstellungen historischer Orgeln gehörte. Die Bedeutung der norddeutschen Orgelkunst aus der Renaissance- und Barockzeit wurde seit der berühmten Orgeltagung in Hamburg und Lübeck im Jahr 1925 in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt.

Schnitgers Wirkungsbereich reichte westlich bis weit in die Niederlande, wobei die Provinz Groningen bis heute ein Schwerpunkt der Überlieferung geblieben ist. Schnitger hatte ein modern anmutendes System von Filialwerkstätten entwickelt, in dem die von ihm ausgebildeten Mitarbeiter für einen lokal überschaubaren Bereich die Instrumente in Teilen bauten, aufstellten und nach den Anweisungen des Meisters »intonierten«, d.h. für die Klanggebung verantwortlich waren.

So entstand in Ganderkesee im Jahre 1699 im Anschluss an die Fertigstellung der großen Instrumente im Bremer Dom und in der Bremer Stephanikirche ein stattliches Werk mit zwei Manualen. In der eindrucksvollen gotischen Kirche steht ein Instrument, das an einem anderen Ort als »Stadtorgel« alle Ehre gemacht hätte. Die kompakte Bauweise in einem Gehäuse eignete sich sehr gut für den Schiffstransport und wurde zu einem Exportmodell Schnitgers. So finden wir heute Schnitger-Instrumente in dieser Bauweise in Süd-Portugal in der Kathedrale von Faro und sogar in Brasilien in der Kathedrale von Mariana in der Bergbauprovinz von Minas Gerais.

Arp Schnitger Orgel in St. Cyprian- und Corneliuskirche, Ganderkesee

1760 erfolgte in Ganderkesee eine Vergrößerung durch das selbständige Pedal zu beiden Seiten des schönen Gehäuses von Arp Schniger durch den in Oldenburg wirkenden Meister Johann Hinrich Klapmeyer. Durch diese Erweiterung ist es heute möglich, das norddeutsche Orgelrepertoire der Renaissance- und Barockzeit in Ganderkesee darzustellen.

Die Wertschätzung der Schnitger-Orgel und sogar die Kenntnisse über die Tätigkeit Schnitgers blieben im 19. Jahrhundert im Bereich des Alten Herzogtums Oldenburg erhalten. So schrieb 1820 der Orgelbauer Johann Gerhard Schmid anlässlich seiner Orgelarbeiten in Ganderkesee:

Die Orgel ist von dem berühmten Arp Schnitger aus Hamburg gebauet und nach damaliger Art gut und gewissenhaft gemacht worden und macht in dem großen und ehrwürdigen Gebäude einen besonderen Effect...Obiger Arp Schnitger soll nach der Beschreibung gemacht haben 18 große Orgeln mit 3 und 4 Klavieren, 42 mittelmäßige, 34 kleine Kabinet-Orgeln und 40 repariert.

Durch diese Wertschätzung erfolgte keine grundlegende Erneuerung in Anlehnung an den Zeitgeschmack der Romantik.

Die im 20. Jahrhundert ausgeführten Arbeiten an der Orgel in Ganderkesee zeigen eine schrittweise Annäherung an die Klangästhetik Schnitgers und die Bauweise seiner Werkstatt. Die letzte Restaurierung durch Heiko Lorenz repräsentiert den hohen Stand der Restaurierungspraxis und hat dem Instrument den ursprünglichen Glanz, die klangliche Fülle und Farbigkeit sowie eine singende (vokale) Qualität in den Einzelstimmen zurückgegeben. Die Klangwirkung ist für die Zuhörer in besonderer Weise attraktiv, da hier eine ausgezeichnete Akustik besteht, die bei den anderen norddeutschen Kirchen mit Schnitger-Orgeln nur in Ausnahmefällen vorhanden ist. Im Zusammenwirken von Raum und Instrument kann Ganderkesee einen Platz in der ersten Reihe der erhaltenen Schnitger-Orgeln einnehmen.

Text: Prof. Dr. h.c. mult. Harald Vogel

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