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Grasberg

1694 / 1788

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Lüdingworth

Finesse
und Force

Die Grasberger Kirche entstand als klassizistischer Saalbau in den Jahren 1788 bis 1787 nach einem Entwurf von Jürgen Christian Findorff, der ab 1751 im Auftrage des Hannoverschen Königshauses die Entwässerung und Kolonisierung der ausgedehnten Moorgebiete nordöstlich von Bremen leitete. Da kein Geld für eine neue Orgel vorhanden war, wurde 1788 eine »gebrauchte« Orgel aus Hamburg erworben. Das Instrument war von so hoher Qualität, dass im 19. Jahrhundert keine wesentlichen Veränderungen vorgenommen werden mussten. Die Schnitger-Orgeln funktionierten gut bei einem geringen Pflegeaufwand über lange Zeiträume. Das gilt auch für die empfindlichen Zungenstimmen, von denen in Grasberg drei – die Trompeten im Hauptwerk und Pedal sowie der wunderbare Dulcian im Brustwerk – vorzüglich erhalten sind.

In Hamburg wurde die Orgel 1693 von Johann Adam Reincken, dem Organisten an der Katharinenkirche, abgenommen und sehr wahrscheinlich von den wichtigsten Orgelspielern der Zeit besucht. Dazu gehörten der an Schnitgers größtem Werk in der Nicolaikirche wirkende Vincent Lübeck, die an der Hamburger Oper beschäftigten Georg Böhm und Georg Friedrich Händel sowie Dieterich Buxtehude und Johann Sebastian Bach als Besucher der Stadt. Die Orgel des Waisenhauses, die zu den besten neuen Instrumenten Hamburgs gehörte, war offensichtlich nicht so schwierig zugänglich wie die großen Werke in den Hauptkirchen.

Arp Schnitger Orgel in der Findorffkirche, Grasberg

Die für das Hamburger Waisenhaus gebaute Orgel besaß eine ungewöhnliche Aufstellung. Diese war durch die beschränkten Platzverhältnisse in der Kirche des Waisenhauses bedingt, die nur eine geringe Höhe aufwies. Die ursprüngliche Anlage bestand aus einem Brüstungswerk, vergleichbar mit der Anlage in Berlin-Charlottenburg. Unmittelbar dahinter befand sich nach den Angaben im Kontrakt von 1693 das »mittelste werck«. In einem separaten Gehäuse befand sich ganz hinten das Pedalwerk.

Als nach 1785 das Gebäude des Waisenhauses nicht mehr genutzt wurde, erfolgte der Verkauf nach Grasberg. Durch die günstigeren Platzverhältnisse war hier eine den üblichen Gepflogenheiten Schnitgers und seiner Schule entsprechende Aufstellung des zweiten Manualwerks in der Position eines Brustwerks über den Klaviaturen möglich. Dafür musste Georg Wilhelm Wilhelmy, der in Stade die Schnitgersche Werkstatt weiterführte, ein ganz neues Untergehäuse anfertigen.

Die Schnitger-Orgel in Grasberg repräsentiert klanglich den Typus der Stadtorgel mit sehr eleganten und schnellen Ansprachen der Pfeifen, wodurch das virtuose Repertoire der norddeutschen Organisten vorzüglich dargestellt werden kann.

Die originalen Mixturen in den beiden Manualwerken klingen sehr hell und gehören – im Gegensatz zu Cappel – zum homophonen Typus, der auf das Spiel zum Gemeindegesang bezogen ist. In Grasberg hören wir in voller Bandbreite die Elemente von klanglicher Finesse und Force, die Schnitger bei jeder Orgel in ein anderes Verhältnis brachte. Die Traktur ist sehr sensitiv und erlaubt auch eine cembalistische Spielweise.

Text: Prof. Dr. h.c. mult. Harald Vogel

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