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Hamburg

1689

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Norden

Die größte
historische Orgel

Die Orgel in der Hamburger Jacobikirche weist den umfangreichsten originalen Pfeifenbestand des 16. und 17. Jahrhunderts auf, der in einem historischen Orgelinstrument weltweit existiert und ist damit ein Kulturdenkmal von unschätzbarem Rang. Ein Viertel der original erhaltenen Register geht auf die Zeit vor Schnitger zurück und stammt von den Orgelbauerfamilien Scherer und Fritzsche. Die wohlüberlegte Zusammenstellung und klangliche Vielfalt der 60 Register lassen die Orgel zu einem Pilgerort für Organisten und Orgelliebhaber werden.

Arp Schnitger führte mit seinen großen viermanualigen Werken das norddeutsche Konzept der mehrchörigen Anlage zu einem letzten Höhepunkt. Nur in Hamburg waren in der Zeit des 30jährigen Krieges und in den Jahrzehnten danach die finanziellen Ressourcen vorhanden, um derart große Werke in den Hauptkirchen bauen zu können. In der Innenstadt befanden sich in einem Abstand von wenigen hundert Metern vier Großinstrumente mit Pfeifen von bis zu zehn Metern Länge: die sogenannten 32-Fuß-Register. Diese räumliche Dichte von monumentalen Werken wurde in keiner anderen Stadt zur gleichen Zeit und auch später übertroffen.

Glücklicherweise ist in der Jacobikirche die originale Klangwirkung einer hanseatischen Orgel von diesem Typus noch zu hören. Der vielteilige »Werkaufbau« (mit dem Rückpositiv in der Emporenbrüstung, dem großen Hauptgehäuse in der Mitte und den seitlich flankierenden Pedaltürmen) wurde in der Orgelmusik, die hier entstand, genutzt. Hier erklingen die von vier Manualklaviaturen und vom großen Pedalwerk einzeln spielbaren Klang»chöre« in ständiger Abwechslung und mit unterschiedlichen Klangfarben.

Arp Schnitger Orgel in St. Jacobi, Hamburg

Während des 18. und 19. Jahrhunderts ging man mit der Jacobi-Orgel sehr behutsam um. Abgesehen von einem 1775 ausgeführten Umbau des Spieltisches gab es keine großen Anpassungen an den Zeitgeschmack. Im Jahre 1720 interessierte sich kein Geringerer als Johann Sebastian Bach für das Amt des Organisten in St. Jacobi. Bach stand vorher und nachher kein so großes und reich disponiertes Werk zur ständigen Verfügung.

Nach der Abgabe der Prospektpfeifen im Ersten Weltkrieg wurde eine Restaurierung notwendig, die von dem Schriftsteller Hans Henny Jahnn durch die Organisation von Benefizkonzerten seit 1923 wesentlich gefördert wurde. Die Orgel wurde in den 1920er Jahren zu einem Symbol der Orgelbewegung und übte einen großen Einfluss auf die Entwicklung einer neuen Klangästhetik aus. Glücklicherweise konnten die Windladen und das alte Pfeifenwerk im Zweiten Weltkrieg ausgelagert werden und überstanden dadurch die Zerstörung der Kirche im Jahre 1944.

Der Wiederaufbau geschah in drei Phasen, wobei erst die 1993 abgeschlossene rekonstruktive Restaurierung von Jürgen Ahrend dem Instrument die ursprüngliche Form und Funktion wiedergab. Besonders wichtig war die erfolgreiche Wiederherstellung der Klangcharaktere der einzelnen Register und der Klangbalancen in den typischen Registerkombinationen aus den verschiedenen Bauphasen des Instruments. Dabei wurde auch eine modifiziert mitteltönige Stimmung mit fast reinen Terzen zugrunde gelegt, die ein geschlossenes Klangbild fördert, vor allem im Gesamtklang mit den hellen und brillanten Mixturen. Als orgelbauerisches Meisterwerk gilt die Intonationskunst Jürgen Ahrends bei den 14 Zungenstimmen, die aus der Zeit vor 1700 erhalten sind.

Text: Prof. Dr. h.c. mult. Harald Vogel

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