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Pellworm

1711

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Cappel

Schnitgers
Zukunftskonzept

Die Schnitger-Orgel und deren Gehäuse sich auf der nordfriesischen Insel Pellworm unmittelbar am Deich zur Nordsee in der »Alten Kirche« St. Salvator befindet. Durch große Sturmfluten, vor allem in den Jahren 1362 und 1634, entstand das flache nordfriesische Wattenmeer mit vielen kleinen Inseln, den Halligen. In den Jahrhunderten vor dem Bau der Schnitger-Orgel 1710/11 verschwanden neunzehn andere Kirchen und ein großes Siedlungsgebiet an der Nordseeküste. Die Alte Kirche in Pellworm war ursprünglich ein romanischer Bau aus Tuffstein und besitzt heute mit der Ruine des mittelalterlichen Turms ein von See und Land weit sichtbares Wahrzeichen.

Schnitgers zweimanualiges Instrument in Pellworm gehört zu seinem Spätwerk und zeigt den Stilwandel, der sich in den Jahren um 1700 in den Orgelkonzepten des Hamburger Meisters vollzog. Unter dem Einfluss des einflussreichen Orgeltheoretikers und Musikschriftstellers Andreas Werckmeister (1645-1706) hat Schnitger das traditionelle »mehrchörige« Konzept mit getrennten Gehäusen für das Rückpositiv und die Pedaltürme zugunsten einer mehr flächigen Gestaltung modifiziert. Dadurch entstanden einheitliche Gehäuse mit einer großen Fläche von Prospektpfeifen unterschiedlicher Größe. Durch den Verzicht auf Rückpositive entstand viel Platz auf den Emporen vor der Orgel für größere musikalische Aufführungen. Das erste erhaltene Beispiel für diesen neuen Stil im Werk Schnitgers ist die Orgel, die 1698 für die Magdeburger Heilig-Geist-Kirche geliefert wurde und sich heute in Wegeleben bei Halberstadt befindet. Sehr große und für den Orgelbau des 18. Jahrhunderts vorbildliche Werke befanden sich in der Magdeburger St. Johanniskirche und im Bremer Dom. Schnitgers Wertschätzung für Werckmeister ist in seinem Lobgedicht in der 1698 publizierten Erweiterten und verbesserten Orgel-Probe dokumentiert.

Arp Schnitger Orgel in der Kirche St. Salvator, Pellworm (Insel)

Die neuen Konzepte Werckmeisters zu Fragen der Stimmung sind in der Schrift zur Musicalischen Temperatur (1686) zuerst ausführlich beschrieben. Dabei wird das System der terzenreinen mitteltönigen Stimmung, die nur einen begrenzten Gebrauch von Tonarten zuließ, erweitert. Wir wissen nicht sicher, ob Schnitger die neuen Stimmungskonzepte von Werckmeister direkt übernommen hat. Es ist aber zu vermuten, dass die Verwendung von Stimmungen, die keine hochdissonanten Akkordverbindungen enthielten, in verschiedenen Instrumenten Schnitgers zur Anwendung kam. Auf diese Weise konnten die Orgelwerke der norddeutschen Organisten, die in der Wirkungszeit Schnitgers entstanden, auf seinen Orgeln gespielt werden. Dazu gehören die Kompositionen des mit Arp Schnitger eng befreudenten Vincent Lübeck, der von 1702 bis 1740 an Schnitgers größtem Instrument in Hamburg-St. Katharinen wirkte.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden alle Schnitger-Orgeln in die moderne gleichstufige Stimmung gebracht oder ihr zumindest weitgehend angenähert. Bei den Restaurierungen der letzten Jahrzehnte wurde die ternzenreine mitteltönige Temperatur wieder bei einigen frühen Schnitger-Instrumenten eingestimmt (wie Lüdingworth oder Hollern). Einige Werke erhielten eine modifizierte Stimmung mit einigen reinen Terzen und der Möglichkeit eines erweiterten Tonartengebrauchs (wie Stade, Norden oder Ganderkesee). Andere Instrumente erhielten auf der Grundlage des »gewachsenen« Zustands der erhaltenen Pfeifenlängen wohltemperierte Stimmungen in der Art von Werckmeister.

Es kann konstatiert werden, dass die Schnitger-Orgeln heute verschiedene Stimmungsarten aufweisen, die den vor und nach 1700 beschriebenen Systemen nahekommen. Leider hat sich in keinem Werk die Originalstimmung erhalten.

Text: Prof. Dr. h.c. mult. Harald Vogel

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